Der Schneefloh

 

Ihr habt euch sicher auch schon gefragt, was es mit den Schneeflöhen auf sich hat, die momentan zu Tausenden im Schnee herumwuseln und springen.


Beitrag von Birgit Hecht- Weidmann

 

Der Schneefloh – ein kaltschnäuziges Tier 
15.12.2005 Jan Ryser, Langnau, Biologe bei Pro Natura 



Der Winter ist für die allermeisten Insekten und sonstigen wirbel­losen Tiere eine Zeit der Inaktivität. In einem Zustand der Winterruhe, mit minimalem Stoffwechsel, und geschützt im Boden, in der Baumrinde oder in ähnlichen Verstecken warten sie auf die wärmere Jahreszeit. Andere Arten überdauern den Winter gar nur als Eier, Larven oder Puppen.Eine ganz andere und ungewöhnliche Lebensstrategie hat dagegen der Schneefloh gewählt. Er gehört zu den Springschwänzen, einer Gruppe urtümlicher, kleiner und flügelloser Insekten. Die Art namens Ceratophysella sigillata, der Schneefloh, von dem hier die Rede ist, misst gerade mal gut einen Millimeter. Er lebt in Wäldern Mitteleuropas und, sein Name deutet es an, er hat seine Aktivitätszeit weitgehend in den Winter verlegt. Im Dezember erwacht er aus seinem «Sommerschlaf», den er im Boden verbringt, und beginnt aktiv zu werden.



Er ernährt sich weitgehend von Algen und Pilzen, die er von Oberflächen abweidet. Was die Präsenz dieses für das menschliche Auge fast unsichtbaren winzigen Tieres aber spektakulär macht, sind seine gemeinsamen Wanderungen. Schneeflöhe leben in Kolonien und diese, bestehend aus bis zu vielen Millionen Tieren, wandern, bzw. springen gemeinsam über den Waldboden oder den Schnee, wobei sie Geschwindigkeiten bis drei Meter pro Stunde erreichen. Bei genügender Feuchtigkeit besteigen sie Bäume, um auf dem Stamm Algen abzuweiden. Die Tiere bilden bei ihren Wanderungen einen grossen, schwarzen, leicht violett schimmernden Teppich, den viele Beobachter wohl eher als Niederschlag einer Luftverschmutzung interpretieren denn als lebenden Verbund von Tieren. Erstaunlicherweise wandern Kolonien im gleichen Gebiet häufig parallel, was wohl eine chemische Kommunikation voraussetzt. Eine solche zeigt sich auch in ihrem Alarmverhalten. Die Tiere reagieren auf Alarmstoffe von verletzten Tieren mit einer Fluchtreaktion.


Die Aktivität zur Winterzeit verlangt nach entsprechenden Anpassungen. Gefährlich ist bei Minustemperaturen die Aufnahme von Nahrung, da sie die Eisbildung im Darm fördert und damit die Kälteresistenz herabsetzt. Dies könnte ein Grund sein, warum die Schneeflöhe auf Bäume klettern und dort einzellige Algen fressen. Denn die Algen müssen selber über Frostschutzmittel verfügen. Diese werden von den Schneeflöhen direkt übernommen, womit sie ihre Kältetoleranz deutlich steigern können. Unter -2°C ziehen sich die Schneeflöhe dennoch in den Schnee oder den Boden zurück, und bei -7°C fallen sie in eine Kältestarre. Die Schneeflöhe haben somit ein relativ schmales Temperaturfenster, bei dem sie aktiv sein können. Die Eiablage der Schneeflöhe erfolgt erst im April. Rund drei  Wochen danach schlüpfen die Jungtiere. Etwa die Hälfte der Erwachsenen überlebt bis ins nächste Jahr und kann sich ein zweites Mal fortpflanzen. Die zweijährigen Tiere sind an der grauen Färbung zu erkennen, während die einjährigen einen violetten Schimmer aufweisen. Ab Mai bis in den Juli ziehen sich die Tiere zur Sommerpause in den Boden zurück, wo sich wiederum grosse Gruppen bilden können. An der Oberfläche würde es ihnen nun einfach zu warm. Aber jetzt ist noch die Gelegenheit, die Schneeflöhe im Winterwald bei ihren Wanderungen zu beobachten